2008 ist meine Großmutter gestorben. Sie war die Person, die mich erzogen hat, weil meine Mutter auswärts arbeiten musste. Mein Vater hat uns praktisch gar nicht geholfen. Meine Großmutter war für mich wie eine zweite Mutter. Oder vielleicht war sie meine echte Mutter, was meine Erziehung angeht. Ich habe nämlich mehr Zeit mit ihr verbracht als mit meiner Mutter. Na ja, 2008 ist sie krank geworden und meine Mutter hat mir gesagt, dass es besser wäre, wenn ich sie besuchen komme. Damals war ich in Japan. Ich hatte seit 2005 dort gelebt. Ich bin nach Brasilien geflogen, um ein wenig Zeit mit ihr zu verbringen. Sie sah zwar nicht so gesund aus, aber nicht so, als ob sie bald sterben würde. Leider ist sie gestorben, und zwar einen Monat nachdem ich nach Japan zurückgekehrt war. Es war schrecklich, aber ich wusste es zu schätzen, dass ich die Gelegenheit hatte, ein paar Tage mit ihr zu verbringen. Es wäre furchtbar gewesen, wenn ich es nicht getan hätte. Meine Mutter ist immer sehr dramatisch und übertreibt alles, aber damals hatte ich das Gefühl, dass ich auf ihren Ratschlag hören sollte.
Eines Tages war ich sehr traurig und ich habe mit meiner anderen Großmutter telefoniert. Das war nicht üblich, weil es damals kein WhatsApp oder so was gab und ein Anruf von Japan nach Brasilien nicht billig war. Sie ist die Mutter meines Vaters und wir hatten nie viel Kontakt miteinander. Mein Vater hat mich vielleicht einmal im Jahr zu ihr gebracht, als ich ein Kind war. Na ja, wir haben gesprochen und sie hat mir erzählt, wie stark sie ihren Vater noch immer vermissen würde, obwohl er vor schon 50 Jahren gestorben war. Es war ein Unfall, nach dem, woran ich mich erinnern kann. Er ist auf der Straße gestorben und es war ganz plötzlich. Sie hat mir gesagt, dass sie immer noch deswegen weint, aber die Zeit hilft uns, den Schmerz zu überwinden.
Nun ja, sie hat mir erzählt, wie gut es war, als sie mit ihren Eltern nach Portugal gereist war. Sie haben dort 6 Monate verbracht. Als ich davon gehört habe, habe ich mich gefragt: Warum ausgerechnet Portugal? Ich habe sie dann gefragt, ob sie aus Portugal gekommen waren. Sie hat hierauf mit "Ja." geantwortet. Ich war sehr überrascht, weil ich gar nicht wusste, dass sie Portugiesen waren!
Ich war sehr begeistert, weil ich nie vorhatte, für immer in Japan zu leben. Japan ist ein gutes Land, aber es ist sehr weit entfernt von Brasilien, das Flugticket ist teuer, die Reise zwischen beiden Ländern schließt einen Stopp irgendwo ein, was alles erschwert. Meine Mutter kann z.B. kein Englisch sprechen. Und das ist nicht alles. Ich wollte auch in einem Land leben, wo ich einen Mann heiraten könnte, wenn ich es tun möchte. Japan war und ist immer noch kein solches Land. Heutzutage können Schwule und Lesben auch in Brasilien heiraten, aber damals konnten sie es noch nicht.
Nun ja, nach dem Telefongespräch habe ich sofort auf die Seite des portugiesischen Konsulats in Rio de Janeiro geschaut, um nach Informationen zu suchen. Ich habe eine Nummer gefunden und sie angerufen. Ich habe eben danach gefragt, ob ich die Chance hätte, Portugiese zu werden. Der Dialog verlief folgendermaßen:
- Nur Kinder von Portugiesen können die Staatsangehörigkeit bekommen. Wer ist das Kind von Portugiesen in Ihrer Familie?
- Meine Großmutter.
- Lebt sie noch?
- Ja.
- Dann kann sie die Staatsangehörigkeit beantragen. Nachdem sie sie bekommen hat, kann ihr Vater sie beantragen. Und nachdem er sie bekommen hat, können Sie sie beantragen.
Meine Güte! Das klang wie ein langer Weg, und es war tatsächlich so. Doch am Ende habe ich es geschafft. Es hat viel Geld, Zeit und Mühe gekostet, aber seit 2013 habe ich das Recht, in Portugal und überall in der EU zu leben. Es hat viel Geld gekostet, weil ich allein die Verfahren für drei Personen bezahlt habe. Meine Großmutter und mein Vater haben zugestimmt, mir mit allem außer Geld zu helfen. Ich glaube, dass es ihnen egal war, ob sie portugiesische Staatsbürger würden oder nicht. Sie würden nicht auswandern oder sogar reisen. Für mich war es aber etwas sehr Gutes, deshalb habe ich mich entschieden, für alles zu bezahlen. Wenn ich es nicht getan hätte, hätte ich meine Staatsangehörigkeit nicht bekommen.
Es war einigermaßen lustig bzw. ironisch, weil ich jahrelang in Japan daran gedacht hatte, wie ich die Staatsangehörigkeit eines anderen Landes bekommen könnte. Ich hatte an Kanada und Australien gedacht, aber ich hätte entweder einen Kurs besuchen oder eine Arbeit finden müssen, um zu versuchen, mir einen Weg zu ebnen, mit dem ich später die Staatsangehörigkeit beantragen könnte. Wer hätte gedacht, dass ich von Anfang an die Chance hatte, eine zweite Staatsangehörigkeit zu bekommen?
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