Manchmal denke ich, dass ich mich anders verhalten würde, wenn ich die Zeit nochmal zurückdrehen könnte. Ich erinnere mich an einige Ereignisse, bei denen ich nicht wusste, was ich tun sollte, beziehungsweise bei denen ich nicht die beste Entscheidung getroffen habe. Das ist einerseits gut, weil man aus seinen Fehlern etwas lernen kann bzw. sollte. Andererseits ergibt es keinen Sinn zu denken: Wenn ich jetzt an dieser Stelle wäre, würde ich alles ganz anders machen. Das geht nicht. Menschen machen Fehler. Das Leben ist ein langer Vorgang, bei dem wir Fehler machen und hoffentlich etwas daraus lernen.
Ich habe ein Video gesehen, in dem ein Mädchen aus Deutschland von ihrer Erfahrung in den USA erzählt hat. Sie erzählt davon, wie es mit ihren Gastfamilien war. Sie hat drei- oder viermal die Gastfamilie gewechselt. Als ich die Probleme, die entstanden sind, gehört habe, habe ich mich an meine Gastfamilie in Japan erinnert. Nun ja, ich habe nicht bei ihnen gelebt. Es war eher so, dass es eine Familie war, mit der ich ab und zu zusammen war und einige Zeit verbracht habe. Das Ziel war es, Japanisch mit ihnen zu üben und eine Art internationalen Austausch zu machen, das heißt, einander seine Kultur vorzustellen.Es gab aber eine Familie, die selber kein Kind hatte, die aus anderen Gründen an diesem Programm teilgenommen hat. Es war ein Ehepaar. Ich hatte den Eindruck, dass sie kein wirkliches Interesse an Ausländern hatten, sondern dass sie irgendwie ihre eigene Einsamkeit ausfüllen wollten. Sie waren ziemlich alt und es schien mir, als ob sie (oder zumindest die Frau) die ausländischen Studenten als eigene Kinder in Betracht ziehen wollten. Natürlich nicht alle, aber einige. Ich hatte das Glück (oder das Pech) gehabt, dass sie früher in Brasilien gelebt hatten. Sie waren deswegen sehr emotional mit Brasilien verbunden und das konnte ich an eigener Haut erleben.
Es ist eine lange Geschichte, aber ich kann sie zusammenfassen: Diese Gastfamilie konnte bzw. wollte nicht verstehen, dass ich andere Interessen hatte. Nun ja, die Gastmutter konnte das nicht verstehen. Der Gastvater war nicht so besessen von mir. Es klingt seltsam, aber das ist das richtige Wort.
Wie ich schon erwähnt habe, lebten wir nicht zusammen. Dieses Programm bestand darin, sich manchmal zu treffen, um zusammen etwas zu unternehmen. Nun ja, wir hatten uns ein paar Mal getroffen und ein paar Dinge zusammen gemacht. In dieser Zeit bin ich auch operiert worden. Ja, ich habe das während meines Austauschjahres getan. Ich habe es ein bisschen bereut, aber das ist eine andere Geschichte.
Die Gastmutter hat mich jeden Tag im Krankenhaus besucht und mir Essen gebracht. Nachdem ich ins Studentenwohnheim zurückgekehrt war, hat sie mich regelmäßig besucht und mir Essen gebracht, wofür ich ihr natürlich sehr dankbar war. Nach meiner Genesung konnte ich wieder problemlos laufen und habe sie ein paar Mal getroffen, um etwas zusammen zu unternehmen.
Es gab aber einen Zeitpunkt, zu dem ich bemerkt habe, dass sie mich so oft wie möglich treffen wollte. Entschuldigung, aber ich will niemanden jedes Wochenende treffen. Das Wochenende war meine Freizeit, wo ich nicht zur Uni fahren musste, wo ich Freunde treffen konnte oder es mir sogar leisten konnte, nichts zu tun.
Außerdem musste ich eine Abschlussarbeit schreiben, um dieses Jahr an dieser japanischen Uni das Programm erfolgreich beenden zu können. Obwohl ich ein paar mal die gleiche Einladung abgelehnt hatte, scheint es so, als ob meine Gastmutter es nicht verstanden hätte bzw. nicht verstehen wollte. Sie hat mich mehrmals zu einer Veranstaltung eingeladen. Nach und nach ist es sehr unangenehm geworden. Es war wirklich so, als ob sie besessen von mir wäre. Ich habe es vorher noch nicht erwähnt, aber seitdem ich wegen der Operation im Bett lag, hatte sie angefangen, mich täglich anzurufen. Das mag zwar sehr nett klingen, aber diese Anrufe haben etwa eine Stunde gedauert. Entschuldigung, aber das ist mir zu viel. Leider konnte ich nicht sagen: "Ich bin jetzt müde. Sorry." Ich habe gedacht, es wäre unhöflich gewesen. Ich hätte es aber von Anfang an sagen sollen.
Allmählich ist mir klar geworden, dass sie nicht so viel für mich getan hat, weil sie mich mochte, sondern weil es ihr guttat. Ich glaube wirklich, dass sie Probleme hatte, weil sie keine eigenen Kinder hatte. Das ist zwar traurig, aber was hätte ich tun sollen? Ja, sie hat mir sehr geholfen (obwohl ich nie darum gebeten hatte) und ich war sehr dankbar dafür, aber das heißt ja noch lange nicht, dass ich mich deswegen wie ihr Sohn verhalten müsste. Einmal hat sie mich morgens um 5 Uhr angerufen! Natürlich war ich nicht rangegangen. Die Situation ist so eskaliert, dass ich nicht mehr wusste, was ich tun sollte. Sie ist eine Art Stalker geworden und wollte kein "Nein" für eine Einladung akzeptieren.
Meine Güte... Ich hätte jemanden aus der Uni um Hilfe bitten sollen, aber ich war jung und wusste nicht wirklich, wie es besser wäre. Auch als ich ihr erklärt hatte, dass ich beschäftigt mit dem Studium war, tat sie so, als ob sie es nicht gehört hätte. Es war ein Alptraum. Tatsache ist, dass ich auch, wenn ich nicht mit dem Studium beschäftigt war, frei war!
Tatsache ist, auch wenn ich nicht beschäftigt mit dem Studium war, war ich frei! Ich war mit niemandem verheiratet. Man soll Menschen treffen, weil es angenehm ist und nicht, weil der Andere es erzwingt. Außerdem war ich 21 Jahre alt, meine Güte! Ich wollte nicht jedes Wochenende mit einer 70-jährigen Frau verbringen. Man kann es verstehen, dass ein Austauschstudent Zeit mit anderen jungen Menschen verbringen will, oder?
Es ist so schlimm geworden, dass ich ihr eines Tages eine Abschieds-E-Mail geschrieben habe. Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, aber ich habe ihr noch einmal für alles gedankt. Dann habe ich ihr geschrieben, dass meine Familie in Brasilien Probleme hatte und ich unter Stress war. Am Ende habe ich geschrieben: "Entschuldigung, aber ich kann nicht länger dein Gastsohn sein". Ja, das war nicht die beste Wahl, aber ich konnte mir nichts anders vorstellen. Wenn ich es nicht getan hätte, hätte sie nicht aufgegeben, mich einzuladen, damit wir so viel Zeit wie möglich verbringen. Und das wollte ich nicht!